
Gefühle leben im Körper: Was mir geholfen hat, morgens wieder aufzustehen
Ich bin monatelang mit Angst aufgewacht. Sobald ich aus dem Traumland wieder in der Realität angekommen bin, gingen die Alarmglocken an. Ich war wie gelähmt. Aufstehen? Unmöglich – Liegenbleiben war die einzige Option.
Und weil mein Gehirn dringend einen Sinn darin finden wollte, warum ich so fühle, hat es Geschichten gebaut:
„Heute ist dieses große Event. Niemals schaff ich das.“
„Ich hab so viele To Do’s auf meiner Liste, da komm ich niemals hinterher.“
Oder noch schlimmer (und fast schon peinlich, aber ehrlich):
„Das, was ich da gestern bei meinem Date gesagt habe, hat ihn sicher vergrault. Ich hab’s versaut.“
Und all das direkt nach dem Aufstehen. Genauer gesagt: noch davor. Jeden. Tag.
Man, war das anstrengend.
In dieser Zeit habe ich Dr. Julie Smiths Buch mit dem viel zu passenden Titel „Aufstehen oder liegenbleiben?“ gelesen. Und wie das oft so ist, wenn man bewusst unbewusst ein passendes Buch in die Hände nimmt, findet man eine Lösung.
Unser Gehirn ist nicht dafür da, uns glücklich zu machen. Es will uns sicher halten. Und wenn es auch nur ein kleines Alarmsignal findet, scannt es sofort die Umgebung nach Begründungen, um die „drohende Gefahr“ einordnen zu können.
Events, To-do-Listen und Dates sind da gefundenes Fressen.
Gefühle sind nicht (nur) Gedanken
Neben diesen offensichtlich scheinenden Begründungen von außen gibt es aber auch noch weitere Erklärungen, die uns viel näher sind, als wir denken: Unsere Körperempfindungen.
Klingt einfach – ist es aber auch. Und damit meine ich nicht mal große Themen wie Krankheiten oder Schmerzen, sondern vielmehr alltägliche Dinge wie Hunger, Müdigkeit und Pulsschwankungen.
Es ist fast schon ein Phänomen, wie verkopft wir Menschen sind, wenn es um unsere Gefühle geht. Wir versuchen ständig, sie zu verstehen. Wir denken: „Ich hab Angst, weil ich mich dieser Sache nicht gewachsen fühle.“ Aber ganz oft ist es andersrum.
Da war erst das Körpergefühl. Dann hat dein Kopf versucht, es logisch einzuordnen.
Manche Gefühle brauchen keine Theorie. Sie brauchen ein bisschen Aufmerksamkeit. Ein bisschen Raum. Ein bisschen Reinfühlen in den Körper.
Der Körper spricht – bevor du es tust
Gefühle zeigen sich körperlich. Immer.
Noch bevor du denken kannst: „Ich bin traurig“, merkst du vielleicht einen Kloß im Hals. Ein Ziehen im Bauch. Eine bleierne Müdigkeit, die dich irgendwie traurig macht – ohne dass du einordnen kannst, warum.
Dein Nervensystem reagiert in Echtzeit – und wartet nicht, bis dein Verstand mitkommt (der das trotzdem kläglich versucht). Und es macht dabei einen verdammt guten Job. Es liest feine Signale aus deinem Inneren (Stichwort: Interozeption), scannt die Umwelt, vergleicht mit alten Erfahrungen – und sendet dann eine Botschaft. Nicht als Text. Sondern als Empfindung.
Und das Gehirn? Sucht verzweifelt nach einer Begründung, um dich sicher zu halten. Und wenn das Gehirn etwas sucht, findet es auch etwas. Und wenn im Außen nichts Offensichtliches ist, wird es die Realität so lange verzerren, bis selbst die kleinlichsten Gründe Sinn ergeben.
Was hilft: fühlen statt analysieren
Wenn du wissen willst, was mit dir los ist, dann frag nicht sofort:
Warum bin ich so?
Frag erstmal:
Wo fühle ich das gerade?
Ein Ziehen im Magen? Nimm es als Signal, dass dein Magen dir gerade etwas sagen will. Spür rein, ohne zu werten. Überlege – wie bei einem Säugling – was du tun kannst, um deinen Magen zu beruhigen. Leg eine Hand auf, oder zwei. Beweg die Magengegend sanft. Trink eine Tasse Tee. Iss eine Kleinigkeit.
Und wenn dann immer noch ein Ziehen da ist, kannst du anfangen zu überlegen, was noch los sein könnte. Du wirst überrascht sein, wie viel deines emotionalen Erlebens sich durch Reinfühlen statt Analysieren lösen lässt.
Heilung passiert im Körper – nicht im Kopf
Klar, Einsicht ist wichtig. Aber echte Veränderung passiert nicht durch Verstehen allein. Sie passiert durch Erfahrung. Wiederholung. Sicherheit im Körper.
Wenn dein Gehirn sagt:
„Ich hab das schon mal gefühlt – ich muss aufpassen, dass ich nicht verletzt werde.“
Darfst du in Ruhe antworten:
„Stimmt, danke für die Warnung. Ich weiß, du willst mich schützen. Ich schau erstmal, was mein Körper braucht, bevor ich voreilige Schlüsse ziehe.“
Seit Dr. Julies Buch wache ich morgens auf, bedanke mich bei meinem Körper, dass er so gut funktioniert (schließlich ist Angst normal und wichtig für unseren Schutz) – und gehe frühstücken.
Denn meine morgendliche Angst war letztlich in 90 % der Fälle nur … Hunger.
Und ob du’s glaubst oder nicht: Mein Gehirn ist mit der Zeit leiser geworden. In Momenten der Angst kann es sich zwar unveränderlich anfühlen – doch dein Gehirn kann dazulernen. Auch wenn es manchmal etwas dauert.
Referenzen
Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt.
Critchley, H. D., & Garfinkel, S. N. (2017). Interoception and emotion. Current Opinion in Psychology, 17, 7–14. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2017.04.020
Nave, K. (2020). Wilding the predictive brain. Wiley Interdisciplinary Reviews: Cognitive Science, 11(6). https://doi.org/10.1002/wcs.1545
Smith, J. (2022). Why Has Nobody Told Me This Before? HarperOne.